Archiv des Autors: Gabriela Salvisberg

Wenn gute Leute schlechte Texte schreiben

Einer, der normalerweise alle Latten am Zaun zu haben scheint, dem kritisches Denken erfahrungsgemäss bekannt ist – wie kann so jemandem ein so richtig schlechter Text entfahren?

Wie es passieren konnte, weiss ich auch nicht. Aber es ist passiert. Peter Schneider, Psychoanalytiker, Tagi-Ratgeber und öffentlich-rechtlicher Satiriker hat auf eine Leserfrage zum Thema „Brauchen wir Religionen?“ so groben Unsinn geantwortet, dass sich (nebst meiner selbst) zumindest in meiner Filterblase so einige gefragt haben, ob das sein Ernst sei. So fand ein Bekannter in einem Tweet: „Der Mann ist Satiriker“ – wohl um zu implizieren, dass die Antwort so ernst nicht gemeint sein könne. Ein anderer stellte den Geisteszustand des Autors in Frage, was sehr unhöflich und beleidigend daherkam. Jene MitfreidenkerInnen, auf deren Meinung ich etwas gebe, haben ähnlich reagiert wie ich: Was soll das? Wie kann Peter Schneider so versagen? Wieso macht er die gleichen Fehler und Fehlschlüsse wie die ganzen Stammtischphilosophen? Was soll dieser krampfhafte Versuch des Religions-Apologetismus?

Der Text des Anstosses befindet sich hier:
http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/brauchen-wir-religionen/story/21110636

Mir ging es vermutlich wie einigen anderen Religionsfreien. Ich habe mich sehr geärgert und konnte direkt die Finger auf mehrere Stellen legen, die guten Grund für das Ärgernis liefern. Nur fehlte mir da die Zeit für eine Replik, die über ein getwittertes „WTF!“ hinausging. Zum Glück hat das ein Kollege übernommen. Claude Fankhauser von den Berner Freidenkern und Mitglied des Freidenker-Zentralvorstandes hat in die Tasten gehauen – und zwar gut:

http://www.frei-denken.ch/de/2017/07/kommentar-%c2%abdas-konnen-sie-besser-herr-schneider%c2%bb/

Unsinn, besonders jener, der von prominenten Journis und „Influencern“ kommt, sollte man nicht ungekontert lassen.

Warum Verschwörungstheorien schädlich sind

Impfgegner finden, die Masern/Mumps/Röteln-Impfung verursache massive Impfschäden. Und Impfungen nützten eh nichts. All dies trotz der wissenschaftlichen Fakten: Die Kinderkrankheiten können bei empfindlicheren Personen fatale Folgen haben. Die Impfungen führen weitaus seltener zur irgendwelchen Komplikationen. Es ist gut, wenn diese Krankheiten verschwinden. Aber die Impfgegner sehen lieber, dass manche Personen an Masernkomplikationen sterben oder Behinderungen davontragen, als dass sie selbst einen Pieks in den Arm ertragen müssen. Chemtrails-Verschwörer glauben, geheime staatliche Organisationen fügten den weissen Ausstössen von Flugzeugen gefährliche, gehirnmanipulierende Substanzen bei. Das könnte man fast meinen, denn es gibt immer mehr Verschwörungstheorien, die wissenschaftliche Erkenntnisse in Frage zu stellen meinen.

Der Zweifel ist die neue Religion. Man setzt sich über alles hinweg, was man in der (normalerweise hierzulande wissenschaftlich fundierten Schule) gelernt hat. Man sucht die Inspiration und das Anderssein in einer Art „In-Group“ bei jenen, die vorgeben, mehr zu wissen als Andere. Wer wollte das nicht? Jeder will speziell sein. Jeder will sich noch wohler fühlen in einer Welt, in der er mehr weiss (oder zu wissen glaubt) als alle anderen. Doch wenn der Zweifel an den wissenschaftlichen Fakten zu einer Art Religion wird, dann hat das Folgen für die Gesellschaft. Nämlich dann, wenn eine kritische Masse an Faktenverleugnern erreicht ist. Zum Thema Verschwörungstheorien hier auch ein guter Beitrag von Hugo Stamm: „Menschen, die glauben, die Erde sei eine Scheibe – es gibt sie wirklich!„. Er spricht hier nicht nur von Flat-Earthers.

Viele Leute – auch in meinen Freidenker-Kreisen – lachen über solche Verschwörungstheorien. Natürlich sind die Theorien lachhaft! Das finde ich auch. Aber die Anhänger und Verbreiter der Theorien machen mir zunehmend Angst.

Steine im Getriebe: Das Ausbreiten solcher Verschwörungstheorien finde ich sehr alarmierend, denn diese kruden Geschichten sind auf Dauer nicht lustig, sondern sind Sand (oder eher Felsbrocken) im Getriebe der Entwicklung. Chemtrailanhänger, Impfverschwörung, Klimaerwärmungsleugner oder Flat-Earthers: Sie alle schaden der Gesellschaft massiv, indem sie immer mehr in ihren Bann ziehen. Die Menschheit steht im Moment vor ein paar grösseren Herausforderungen. Dazu gehören die Ungleichverteilung von Nahrung, Wasser und medizinischer Versorgung, aber auch der Klimawandel mitsamt der längerfristig unerlässlichen Abkehr von schädlichen oder unzureichend verfügbaren Energiequellen (Uran, Erdöl). Weiter geht es mit dem Umbruch im Arbeits- bzw. Lebensumfeld, bei dem immer mehr Jobs durch Robotik und künstliche Intelligenz wegzufallen drohen. Ich bin überzeugt davon, dass die Menschheit im Grunde über das Wissen verfügt, für diese Aufgaben praktikable Lösungen zu finden. Aber diese sind nur zu erreichen, wenn möglichst alle irgendwie mitziehen.

Wie will man aber gemeinsam über Lösungen diskutieren, wenn ein besonders laut schreiender Teil der Bevölkerung sogar einfach nachvollziehbare, wissenschaftlich x-fach bewiesene Fakten in Frage stellt? Die Flat-Earthers sind ein Symptom für ein riesiges Problem, das der Lösung anderer (echter, noch grösserer) Probleme im Weg steht.

Die Erfinder und Verbreiter von Verschwörungstheorien regen die Menschen mit perfiden psychologischen Tricks dazu an, ihre Intelligenz (z.B. logisches Denken) nicht mehr zu benutzen. Darin finde ich nicht viel Lustiges. Es geht auch wahnsinnig viel Energie (und sei es bloss so etwas wie Aktivismuspotenzial) verloren, wenn man Menschen für kontraproduktive oder gar destruktive Angelegenheiten mobilisiert.

Unsere atheistischen Gefühle werden verletzt

Atheist

Atheist

Man könnte annehmen, der mühsamste Diskussionspartner eines Atheisten sei sein klassischer Gegenpart, nämlich der oder die Religiöse. Mit solchen umzugehen ist aber für Menschen, die nicht an einen Schöpfer glauben, eher einfach, da die Positionen klar sind: Wer glaubt, will unbedingt glauben, darum ist es auch nicht sinnvoll, ihm oder ihr das ausreden zu wollen. Du könntest an eine Wand reden. Du kannst 10’000 wissenschaftliche Fakten nennen. Du kannst vergeblich darauf warten, dass der Religiöse seinen Standpunkt schlüssig und realitätsnah untermauert: Auch wenn er faktisch verliert, wirst Du ihm seinen Gott nicht abspenstig machen können. Jedenfalls nicht, wenn er oder sie selbst nicht bereits Zweifel an den ganzen Geschichten hegt. Das weiss ich, und das wissen auch die meisten anderen Atheisten, Agnostiker und Freidenker-KollegInnen.

Der einfache Grund: Wir wollen niemandem seine Religion wegnehmen.

Das unterstellt man uns Atheisten immer wieder, obwohl die Gläubigen genau das zur Doktrin erhoben haben: Angesichts der Tatsache, dass es weltweit viele tausend Religionen mit zehntausenden von Göttern gab oder gibt, ist jeder Mensch ein Ungläubiger. Zum Beispiel der Christ, Jude oder Muslim glaubt nur an einen Gott mehr als der eigentliche Atheist. Er glaubt nicht an Thor, an Zeus oder an Vishnu.

Es gibt aber eine Gruppe von Nichtgläubigen, die anstrengender sind als jeder Religionsfundi. Sei es an Veranstaltungen, sei es auf Facebook; als Mitglied des Zürcher Freidenker-Vorstandes begegne ich ihnen immer wieder: den Religionsapologeten. Selbst glauben sie an kein höheres Wesen, werden aber nicht müde, die Religionen und die Taten und Aussagen der Religiösen zu verteidigen und zu entschuldigen. Die Diskussionen mit den eigentlich nichtgläubigen Religionsapologeten laufen immer wieder ähnlich ab. Ein Beispiel:

Man postet selbst ein religionsbezogenes Zitat eines bekannten Philosophen oder Wissenschaftlers, etwa dieses von Christopher Hitchens:

«Religion ends and philosophy begins,
just as alchemy ends and chemistry begins
and astrology ends, and astronomy begins»
.

Dann tritt der Religionsapologet auf den Plan: «Leider hat Hitchens Unrecht. Man kann chemische Gesetzmässigkeiten beweisen oder widerlegen, aber mit dem Gott-Zeug ist das schwieriger».

Ich mache den klassischen Teekannen-Konter: «Die Beweislast liegt bei jenen, die behaupten, dass es dieses Gott-Wesen gibt. Das mit dem Widerlegen ist hingegen so eine Sache: https://de.wikipedia.org/wiki/Russells_Teekanne».

Und der Apologet: «Das ist der Irrtum. Der Gläubige braucht keinen Gottesbeweis, es ist Hitchens der ihn braucht. Es ist ergo reine Zeitverschwendung sich damit auseinanderzusetzen wann endlich die Religiösen ihren Fehler einsehen».

Dass es oft genug Zeitverschwendung ist und der Gläubige ohne Beweise auskommt, mag sogar stimmen. Aber darum ging es nicht, darum füge ich noch hinzu: «Wenn er von der Gesellschaft Dinge fordert (z.B. Steuern für seine Kirchen, Religionsunterricht, spezielle ihn schützende Gesetze, Feiertagsruhe usw.), dann sollte er diese Forderungen doch mit etwas mehr unterfüttern als mit ‘Glauben’.»

Dann landet der Apologet erstmals beim klassischen Strohmann und findet: «Wahrscheinlich genauso wie Politiker nur mit Fakten arbeiten!»

Strohmann-Argumente zu zerpflücken ist zeit- und nervenraubend und oft genau so sinnlos, wie einem Inuit einen Kühlschrank verkaufen zu wollen. Darum ist das etwa der Zeitpunkt, an dem man die Diskussion mittels einer etwas zynischen Bemerkung in Richtung Ende leiten möchte, wie beispielsweise: «Ja, gibt ähnlich verstrahlte Politiker. ;-)»

Und schon schlägt der Apologet zu, züchtet eine Armee von Strohmännern und lanciert gleich mal den Vorwurf der Arroganz, gepaart mit einer «Godwin’s Law»-Erfüllung als Pfeilspitze: «Die Ansicht dass man selbst richtig liegt sollte einen nicht dazu veranlassen andere in die Ecke der Idioten zu schieben. Hitchens und dergleichen haben das immer mal wieder getan. Eugenik kam auch mal im Mantel der Wissenschaftlichkeit daher, und wir alle wissen wie noch lebende Freunde von Hitchens darüber denken.»

Das ist der WTF-Moment («What the fuck!»), der Zeitpunkt, an dem man kopfschüttelnd über der Tastatur hängt, weil der Unsinn sich da gerade vor einem auftürmt. Sollte man da ebenso mit Stroh zurückschlagen? Ich wäre in solchen Fällen versucht zu entgegnen: «Angenommen, die Religion XY erhält politische Mehrheit und fordert, dass jeder – auch jeder Ungläubige – seinem Kind wichtige, empfindliche Teile des Penis oder der Klitoris absäbelt. Machst Du das?». Aber ich gebe aus Zeitmangel auf.

Wir sind inzwischen besser in der Lage, zu unterscheiden, was Wissenschaft ist und was sich nur den Anschein von Wissenschaft gibt. Wissenschaft ist die Methode, nicht die Meinung.

Die Schöpfungsgeschichte der Religiösen ist nichts anderes als eine These. Eine These ist nur ein Gedanke, eine Idee, eine Behauptung. In der wissenschaftlichen Forschung werden aber aus Thesen (Ideen) nur im guten Falle Theorien. Eine Theorie lässt sich mit Experimenten, Berechnungen und Beweisen bestätigen. Andere Wissenschaftler sind immer aufgefordert, jede Theorie nach besten Kräften zu schwächen, wenn es denn Schwachpunkte gibt. Das ist Wissenschaft. Die Anzahl Beweise, die für die Evolutionstheorie sprechen, sind erdrückend. Die Anzahl Beweise für eine Art göttliche Schöpfung sind immer noch bei: genau Null.

Das Argument betreffs «Eugenik» ist ungefähr gleichzusetzen mit dem Unsinn, Hitler sei Atheist gewesen. Erstens war er das nicht, zweitens wäre es nicht relevant, wenn er einer gewesen wäre. Kein Atheist behauptet ernsthaft, jeder andere Atheist sei alleine durch seine Religionsferne automatisch ein «guter Mensch». Und das wissenschaftliche Mäntelchen ziehen sich auch massenhaft andere Subjekte an. Erwiesener Unsinn wie Homöopathie kommt in einem solchen daher. Sogar die Chemtrails-Verschwörer und sonstige Aluhutträger tun so, als stünden sie auf einem ernst zu nehmenden wissenschaftlichen Boden. Hierfür ziehen sie aber keine echten wissenschaftlichen Studien bei, sondern begnügen sich damit, mit irgendwie komplizierten Begriffen um sich zu werfen.

Wäre die Diskussion weiter gegangen, hätte mir der selbst nicht-religiöse Religionsapologet am Ende noch vorgeworfen, ich verletzte religiöse Gefühle.

Wisst Ihr, was? Ich habe eine gute Vorstellung davon, wie sich das anfühlt. Das Gefühl muss Deckungsgleich mit jenem sein, das ich angesichts religiösen oder esoterischen Unsinns empfinde.

Religiöse Gefühle

Hat schon jemals einer dieser Religionsapologeten versucht, sich in einen Atheisten hineinzuversetzen? Dann versuche ich das einmal mit recht deutlichen Worten, vielleicht etwas überspitzt, zu erklären. Viele von uns Atheisten haben entweder von Anfang an oder mit der Zeit eines erkannt: Die Behauptung der Existenz eines Gottwesens – oder gleich mehrerer davon – ist die grösste, infamste und folgenschwerste Lüge der gesamten Menschheitsgeschichte.

Da liegen sie, die Worte: infame Lüge, folgenschwer.

«Lüge»: Der Apologet würde einwenden: Wäre «Irrtum» nicht etwas höflicher? Klar, aber es wäre ein zynischer Euphemismus. Als die Menschen noch rätselten, woher die Gewitter und Blitze kommen, warum sich manchmal die Sonne verdunkelt oder was passiert, wenn man über den Rand der Erdscheibe fällt, durfte man getrost von einem Irrtum sprechen, wenn sie den Gezeiten, dem Wetter und Krankheiten einen göttlichen Ursprung andichteten. In den nachfolgenden Jahrhunderten haben Wissenschaftler nach und nach unzählige Rätsel gelöst und Phänomene entmystifiziert. Zu meiner und meiner Mitatheisten völligen Nichtüberraschung stets ohne Indiz eines Gottwesens. Ich kann historisch nicht festmachen, wann genau man aus wissenschaftlichen Gründen diesen Irrtum hätte zur Lüge erklären müssen. Aber es geschah sicher nicht im 21. Jahrhundert – und wohl auch nicht erst im 19. oder 20. Man könnte das 18. Jahrhundert, die Blüte der Aufklärung, als die Phase betrachten, in welcher rationale Gemüter sich aus Vernunftsgründen von der Idee eines Gottwesens verabschiedeten. Nach allem, was die Wissenschaft herausgefunden hat, ist Gott heute eine Lüge; und nach so langer Zeit, in der wir uns dieser Frage stellen, nicht mehr bloss ein Irrtum. Und es gibt keine Alternative zur Wissenschaft – ausser noch mehr Wissenschaft. Nur sie ist die Methode, etwas nachzuweisen. Ist das eine nachgewiesen, wird mutmasslich etwas anderes entkräftet.

«Folgenschwer»: Seit Tausenden von Jahren haben Milliarden von Menschen den anfänglichen Irrtum und die spätere Lüge geglaubt, unkritisch weitererzählt und im Namen ihres ihnen (aufgrund von Geburt zufällig erworbenen) Gottwesens und seiner Vertreter gemordet oder sinnlos gelitten. Es wurden reale Menschen im Namen des Irrealen systematisch unterdrückt, mit dem zynischen Verweis aufs Jenseits, in dem es ihnen dann besser gehe. Es werden noch immer Kinder gequält (Buben und Mädchen beschnitten), Tiere brutal geschächtet oder geopfert, Andersdenkende und -fühlende gnadenlos ausgegrenzt (z.B. Homosexuelle). Millionen Menschen wurden auch verfolgt, vertrieben oder brutal gequält und ermordet – nicht nur weil sie selbst einer bestimmten Religion angehörten, oder ihr nicht angehörten, sondern schlicht, weil sie von jemandem abstammten, der sich zu einer bestimmten Religion zählte.

Es gibt nichts Vergleichbares, das unter der Menschheit so viel Elend verursachte – und nach heutigem Wissen in vergleichbarem Ausmass erstunken und erlogen ist. Dass eine so hartnäckig verbreitete und (teils wörtlich) bis aufs Blut verteidigte Lüge auch infam ist, erschliesst sich hier von selbst. Das sind Dinge, die einen Atheisten und Humanisten wütend und traurig machen.

So vieles von diesem Leid wäre verhindert worden, hätte es viel früher viel mehr Menschen gegeben, die sich einen Dreck um Religion scherten.

Der ultimative What-the-Fuck-Effekt

All dies führt in einem Atheisten immer wieder zu einem Gefühl des grössten Facepalms aller Zeiten, zum ultimativen What-the-fuck. So ungefähr fühlt sich die unvorstellbare Grösse dieses Unfugs an, der sich einem Atheisten offenbart, wenn ihn Jehovas Zeugen anquatschen, wenn Freikirchler mit ihren Prospekten wedeln, Salafisten grosszügig ihre derbe Schrift verteilen oder Scientologen ihre Sekte bewerben.

Die Apologeten, die uns Atheisten immer Arroganz unterstellen, könnten falscher nicht liegen.

Angesichts des unfassbaren Ausmasses an Absurdität, das einem Atheisten immer wieder entgegenknallt, sollten die Apologeten auch einmal an die Gefühle der Gottlosen denken.

Arroganz käme aus einem Gefühl der Überlegenheit. Aus wissenschaftlicher Sicht dürfte diese sogar gegeben sein. Aber angesichts der widersinnigen Thesen seitens der Religionen und deren unglaublich dichtem politischem Filz fühlen sich viele von uns manchmal beinahe machtlos.

Dennoch darf es uns auch der Apologet nicht verübeln, wenn sich ein paar Krümel dieses gigantischen Absurditätsempfindens auch gelegentlich in unsere Diskussionen verirren.

Kurz: Denn durch die – wie ich dargelegt habe – grösste Lüge der Menschheitsgeschichte werden bei uns ebenfalls massenhaft Gefühle verletzt. Vielleicht nur eines, dieses aber immer wieder: das Vertrauen in die menschliche Vernunft.

Es ist wirklich genau so, als ob ein Vis-à-vis standhaft behaupten würde, die Erde sei eine Scheibe.

Wir reagieren indes auf eine derartige Beleidigung der menschlichen Vernunft nicht mit dem Verbrennen von Symbolen oder Ermorden von Mitmenschen, sondern – da sind wir doch relativ cool unterwegs – mit meist fundierten Argumenten und gelegentlichen Scherzen. Man verzeihe uns diese doch bitte – schon alleine deshalb, weil wir das Ausmass der Absurdität ohne diese kleinen psychohygienischen Spitzen nicht ertragen würden.

David Silverman: «Fighting God»

Gerade habe ich Flyer bestellt für die nächste Veranstaltung der Freidenker. David Silverman ist Präsident der American Atheists und wird am Samstag, dem 7. November 2015 in Basel und am Sonntag, dem 8. November in Zürich eine Lesung halten aus seinem neuen Buch «Fighting God». Er propagiert den so genannten «firebrand atheism». Er geht mit den Religionen und den Forderungen der Religionsvertretenden gnadenlos ins Gericht. Er sagt klar: Ich respektiere Menschen – aber ich muss nicht deren Religion respektieren. Der Zürcher Anlass findet am 8. November 2015, 14 Uhr (Türöffnung) im «Zentrum Karl der Grosse» statt, Kirchgasse 14, 8001 Zürich.

Ach, genau, hier noch der Flyer, Vorder- und Rückseite:

Flyerentwurf01-Seite001 Flyerentwurf01-Seite002

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Vortrag und die anschliessende Diskussion sind in Englisch. Aber wir testen hier (auch im Hinblick aufs nächste Denkfest) eine coole Simulanübersetzung, die via Smartphone-App läuft. Wer das nutzen will, nimmt am besten einfach sein Smartphone und einen passenden Kopfhörer mit.

Gedanken zum kommenden Menschenrechtstag

Mob300x250Entwurf01-Seite001Am 10. Dezember ist der Menschenrechtstag. Dann jährt sich die Verkündung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte seitens der Vereinten Nationen.

 

 

 

Jene haben diese am 10. Dezember 1948 in Paris genehmigt. Von allen nicht materiellen Gütern der Welt sind die Menschenrechte das mit grossem Abstand wichtigste. Die Menschenrechte sind der Boden, der eine Demokratie trägt. Ohne Demokratie sind keine Menschenrechte wirksam. Und ohne aktiv gelebte Menschenrechte kann auch keine Demokratie existieren.

Die Menschenrechte zu erarbeiten und gegen meist adlige oder religiöse Machthaber zu erstreiten hat überall in der Welt nicht nur Mühe, sondern auch viel Blut gekostet. Unzählige mutige Menschen – unabhängig von Alter, Geschlecht, Hautfarbe, Religion, Geburtsort oder Vermögen – haben über hunderte von Jahren hinweg dafür ihr Leben geben, dass die kleinen und grossen Gemeinschaften der Welt einen gemeinsamen Nenner finden mögen: eine Sammlung von unabdingbaren Rechten und Grundsätzen, die dem Wesen «Mensch» überhaupt erst eine lebenswürdige Basis bieten. Menschenrechte sind ein Erfolgsmodell. Sind sie in einem Land wirksam, geht es jenen BewohnerInnen besser.

Als Atheistin habe ich kein heiliges Buch, für das ich in den Krieg ziehen würde, für das ich töten oder meine Tötung in Kauf nehmen würde. Kein einzelner Prophet oder Guru, keine Religion, keine politische Partei, nicht einmal eine Kulturströmung vermag mich in diesem Sinne so unabdingbar für sich einzunehmen. Aber als Humanistin empfinde ich Angriffe auf die Menschenrechtskonvention als Angriff gegen die Menschheit und Menschlichkeit an sich. Habe ich schon erwähnt, dass Menschenrechte und Demokratie eine untrennbare Einheit bilden? Das eine gibt es nicht ohne das andere.

Wer die Menschenrechte angreift, greift die Gemeinschaft aller Menschen an. Und damit auch mich. Man darf von mir aus über die klassischen Exponenten der Atheisten-Szene herziehen, Richard Dawkins schlechtreden, man darf sich auch über Michael Schmidt-Salomon aufregen, man darf egal welchen interessanten Menschen beleidigen oder seine Werke schmälern, man darf sogar komplett verblödete politische Initiativen lancieren, die mich ohne Ende fluchen und fremdschämen lassen. Der Peinlichkeits- und Stimmvolk-Hassfaktor bei so etwas dämlichem wie der Masseneinwanderungs-, Verwahrungs-, Minarett- oder Ecopop-Initiative war nicht zu unterschätzen. Aber nichts von alledem hat mich jemals dazu veranlasst, darüber nachzudenken, wofür ich sterben oder gar töten würde.

Bis jetzt. Menschenrechte als Fundament von Demokratie sind parteiunabhängig. Sollte es darum gehen, die Menschenrechte zu verteidigen, müsste ich wohl Michael Schmidt-Salomon bei seinen Zehn Angeboten des evolutionären Humanismus recht geben. Für die Wahrung dieser durch unzählige andere, teils namenlose Menschen erkämpften Errungenschaften würde ich wohl meinen neuzeitlichen Wunsch, weder zu sterben noch zu töten vorübergehend aufgeben.

Insofern hat der (derzeit noch) amtierende Bundesrat Ueli Maurer mir (und eigentlich allen in diesem Land) den Krieg erklärt. Die Menschenrechtskonvention, die Wahrung der Menschenrechte, die wichtigsten und nützlichsten ethischen Errungenschaften der Menschheit überhaupt – wenn diese auf dem Spiel stehen, dann werde ich mir sogar als Stadtzürcherin eine Mistgabel zulegen.

Zumindest dieses Jahr lautet das Thema der Veranstaltung der Zürcher FreidenkerInnen zum Menschenrechtstag noch so: «Von Kobane bis Kairo – die Menschenrechtslage im Nahen Osten». Die Infos dazu sind hier: http://menschenrechtstag.ch. Ich hoffe inständig, dass ich als Vorstandsmitglied der Zürcher FreidenkerInnen niemals eine Veranstaltung zur «Lage der Menschenrechte in der Schweiz» mitorganisieren muss.

Ach, genau, die «Freidenker-Taliban»

Volksinitiative Trennung Staat und Kirche im Wallis

Säkulares Wallis Initiative

Die Walliser FreidenkerInnen haben eine mutige und erfreuliche kantonale Volksinitiative zur Trennung von Staat und Kirche im Wallis deponiert. Ab dem 20. Juni 2014 kann gesammelt werden. Hier findet man den Initiativtext, die Pressemitteilung, die Argumente und den Unterschriftenbogen.

Unsere Walliser Freunde haben bestimmt damit gerechnet, dass sich etwa eine CVP (Romandie: PDC) nicht besonders erfreut zeigt. Jene wolle diese säkulare Initiative «mit Nachdruck bekämpfen». Schützenhilfe – zumindest verbaler Natur – bekommen die Parteichristen auch von weiteren rechtsbürgerlichen Kreisen. Die UDC (die SVP der Romandie) bezeichnet die FreidenkerInnen nämlich als «Taliban der Laizität», die «dem Islam den Weg bereiten» wolle. Erst schiessen, dann fragen. Logik ist sekundär. So ungewöhnlich ist diese Reaktion nicht, wenn jemand am Status Quo alteingesessener und bequem verfilzter Institutionen rüttelt.

Nur weil etwas schon lange da ist, muss es nicht erhaltenswert sein. Die Welt dreht und entwickelt sich weiter. Das Konzept eines allwissenden/allmächtigen Herrschaftswesens ist überholt. Nicht einmal der Grossteil der Kirchen-Mitglieder hält sich an die Regeln der (hoffentlich freiwillig und sorgfältig) selbst gewählten eigenen Religion. Auch wenn vielleicht die Religion für einige ein wichtiges Element bleibt, ist die Verflechtung derselben in den Staat ein schon lange abschaffungswürdiges Relikt.

Willkommen in 2014. Erstens ist die Bevorzugung der christlichen Kirchen als so genannte Staatskirchen nur aus einem historischen Zufall entstanden. Es gibt gar nichts, das diese Bevorzugung gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften heute noch rechtfertigt.

Glaube ist freiwillig… Glaubensfreiheit ist ein verfassungsmässiges Recht. Die Trennung von Staat und Kirche ist in demokratischen Ländern ein faires und erfolgreiches Modell. Nur sie gewährt den Gläubigen aller Religionsgemeinschaften die gleichen, fairen Rechte, den von ihnen freiwillig gewählten Glauben im selben Rahmen auszuüben, der auch Anhängern anderer Glaubensgemeinschaften gegeben ist. Das muss möglich sein, ohne inhaltliche oder ungerechte finanzielle Privilegien für alteingesessene «Platzhirsche».

… und Religionsfreiheit ebenfalls. Nur die Entflechtung von Staat und Kirche gewährt auch der stark wachsenden Gruppe nicht-religiöser Menschen die Freiheit, ihr Leben ohne jede religiöse Beeinflussung führen zu können. Und hier ebenfalls: ohne die für AtheistInnen/AgnostikerInnen unlogischen Inhalte religiöser Gruppierungen mitfinanzieren zu müssen.

Demokratie braucht Ethik, nicht Moral. Ein fairer, freier, demokratischer Staat basiert auf gemeinsam erarbeiteten ethischen, juristischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Nur so kann ein Staat einen guten Boden für die freie Entfaltung Einzelner legen. Eine Ungleichbehandlung verschiedener Religionen oder von Nicht-Religiösen wirkt sich negativ auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt aus.

Spezialargument für die SVP: Die SVP befürchtet offenbar, das Zurückbinden einiger Kirchenprivilegien führe eine Art «Vakuum» herbei, das die Muslime sofort ausfüllen würden. Das ist doch überhaupt nicht logisch, wenn man die einzelnen Menschen und die allgemeine Entwicklung der letzten Jahrzehnte anschaut (es gibt eine Nationalfondsstudie dazu). Ganz im Gegenteil! Diese Massnahme greift schon jetzt den bereits aufkeimenden Gelüsten einiger muslimischer Kreise vor, die gerne ebenfalls einen Teil der Kirchensteuergelder und sonstigen Kirchenprivilegien für sich hätten.

Eine Gleichbehandlung aller Religionsgemeinschaften im Sinne dieser Initiative ist dringend fällig. Anstatt aber nun weiteren Glaubensgruppierungen mehr Rechte und Ressourcen einzuräumen, ist es nicht nur einfacher, sondern sowieso durch die Zeichen der Zeit angebracht und logisch, bestehende widersinnige Privilegien endlich abzubauen.

Frankreich hat das Laizitätsprinzip schon länger gesetzlich verankert. Die Kantone Genf und Neuenburg ebenfalls. Kirchen und Glaubensgemeinschaften existieren dort weiter, solange es Leute gibt, die sie brauchen. Religionsgemeinschaften können sich als Vereine organisieren und werden sich als solche gleichberechtigt an geltendes Schweizer Recht halten müssen. Genau wie es andere Vereine tun, die sogar ohne staatliche Unterstützung und Privilegien schon ein Weilchen existieren. Nebenbei: Die FreidenkerInnen gibt es in der heutigen Form quasi seit 1908.

 

Nein, ich war das nicht

Ein Spammer hat sich mal wieder an mich erinnert. Und hat dafür gesorgt, dass ich das merke. Er pflanzte nämlich meine Mailadresse ins «From» (oder «Envelope-from» oder «Reply-to») seiner idiotischen Spam-Mails. Resultat: Einige Dutzend Bounces und Abwesenheitsmeldungen. Ich hoffe, es flattern nicht auch noch Mails von erbosten Usern rein, die das Gefühl haben, der Mist stamme von mir.

Bounces zu Spam, den ich gar nicht selbst verschickt habe

Bounces zu Spam, den ich nicht verschickt habe

Jeder kann jede beliebige Mailadresse ins «From» setzen. Hierfür braucht man nicht einmal den zugehörigen Account zu «hacken». Die Adresse zu kennen reicht völlig. Und genau das tun Spammer: Sie haben eine Liste mit vielen tausend Adressen und picken sich eine davon fürs «From» heraus. Diesmal meine – morgen vielleicht Deine.

Mein Hoster war jetzt so freundlich, für meine Domain einen SPF-Eintrag zu erstellen. Das erschwert das Abkippen von Spam unter missbräuchlicher Verwendung meiner Absenderadresse.

Bei uns werden die Kinder bluten. Aber freiwillig - und nur fürs Mikroskop. Campquest.ch

CampQuest.ch – die Kinder werden bluten! 😉

Camp Quest, das wissenschaftlich-humanistische Sommerlager ist für Kinder und Jugendliche von 9 bis 15 Jahren ausgelegt. Dieses Jahr findet es erstmals auch in der Schweiz statt: vom 4. – 10. August 2013 in Mundaun bei Obersaxen/GR. Das Programm kann sich sehen lassen und dürfte auch in den grössten Schulmuffeln wenigstens ein bisschen Interesse für wissenschaftliche Themen wecken. Bitte bald anmelden – die Plätze sind begrenzt!

Who’s evil now? – Die AdSense-Erpressung

Oder wie Google IT-Verlage zum Öffnen von Pandoras Büchse zwingt.

Auch wenn es uns manche nicht glauben wollten, war ein Aufrechterhalten der Trennung zwischen Redaktion und Anzeigen auch bei meinem Arbeitgeber IDG Schweiz (Publikationen PCtipp und Computerworld) bislang ein ehernes Gesetz. Es bedeutete: Die Anzeigenabteilung hatte bei redaktionellen Inhalten nicht dreinzureden. Und das war gut so. Über das Druckmittel der Onlinewerbung ist Google jetzt aber in der Lage, IT-Verlage wie den unsrigen zum Öffnen dieser Büchse der Pandora zu zwingen.

Böse YouTube-Tools

Nun hat’s also uns erwischt: Google hat am Freitagnachmittag das Ausliefern von AdSense-Werbung auf der PCtipp-Webseite gestoppt. Unser Verlag wurde aufgefordert, einige Anwendungen aus dem PCtipp-Downloadbereich zu entfernen. Würden wir dem nicht Folge leisten, werde unser AdSense-Konto dauerhaft deaktiviert, siehe Screenshot einer solchen Mail.

Mail von Google droht mit Deaktivierung von AdSense

So sieht die Mail aus, in der Google die PCtipp-Redaktion zwingt, bestimmte Downloads zu entfernen.

Unter den rund 5000 Downloads im PCtipp-Downloadbereich waren auch einige Tools, mit deren Hilfe ein Anwender YouTube-Videos lokal speichern könnte. Das da sind einige davon: aTube Catcher, YouTube Songdownloader, YouTube Downloader, Free YouTube to MP3-Converter, Freemium TubeBox, Freerecorder, Free Studio, ClipGrap und Ashampoo Clip Finder.

Was haben wir gemacht? Richtig: die Tools von der Webseite genommen. Ich fühle mich übrigens an den Sommer 2008 erinnert. Damals entfernten wir wegen der Gesetzesänderung in Bezug auf die Umgehung «technischer Schutzmassnahmen für die Wahrnehmung von Rechten» schon einmal rund 70 Downloads von unserer Webseite (siehe PDF). So sehr wir damals auch redaktionsintern mit den Zähnen knirschten – wir hatten nicht einmal theoretisch eine Wahl. Vor fünf Jahren mussten die Tools zum Rippen von DVDs aus gesetzlichen Gründen weg. Das ist noch tolerierbar. Nun zwingt uns also auch Google dazu, weitere redaktionelle Inhalte zu entfernen.

Mir (und meinen KollegInnen im Verlag) ist schon klar, dass die theoretische Wahl weiterhin bestünde. Schliesslich ist niemand gezwungen, bei Google AdSense mitzumachen. Das macht diese «Friss oder stirb»-Situation aber nicht besser: Ohne Google ist im Onlineanzeigenmarkt kaum auszukommen. Das Unternehmen beherrscht in diesem Business quasi 100% des Marktes, in weiten Teilen der Welt, sicher aber in der Schweiz und der EU. Google Ads gehören aus verschiedenen Gründen sowohl bei Portalen als auch bei KonsumentInnen zu den «beliebteren» Werbeformen. Sie sind nicht so aufdringlich gestaltet, dass sie die WebsurferInnen wirklich stören könnten. Weil die Ads (wegen AdSense) oft thematisch zu den sie umgebenden Inhalten passen, landet darauf auch gerne mal der eine oder andere Klick. Dadurch profitieren auch die beworbenen Unternehmen davon. Die Ads lassen sich einfach verwalten, optisch ans Umfeld anpassen und bringen ansehnliche Werbeeinnahmen, auf die kaum ein Verlag verzichten kann. Auch IDG Schweiz nicht. In den Leser- und Verkaufszahlen stehen wir mit dem Printprodukt PCtipp im Vergleich zu anderen noch gut da. Aber auch wir spüren die fallenden Umsätze im Printbereich. Die Einnahmen im Onlinebereich fangen dies nur zum Teil auf. Und wie wir alle wissen: Paywalls funktionieren bei den KonsumentInnen nicht wirklich. Faktisch ist also der Verzicht auf Google Ads keine Alternative.

Übrigens: Moment mal! Kommt das denn wirklich niemandem bekannt vor? Ein milliardenschweres US-Unternehmen beackert auch in der EU einen Markt, in dem es quasi keine Konkurrenz gibt. Somit liegt ein De-Facto-Monopol vor. Ich will jetzt nicht «Microsoft» sagen, aber Google wäre nicht das erste grosse IT-Unternehmen, das von der EU saftige Bussen und Auflagen wegen des Missbrauchs der marktbeherrschenden Stellung kassiert.

«Bewusstsein = Leben» oder «Leben = Bewusstsein»?

An der Delegiertenversammlung vom 26.05.2013 der Schweizer FreidenkerInnen erfüllten die TeilnehmerInnen nicht nur ihre Aufgabe zur Wahl eines neuen Präsidiums (siehe hier), sondern konnten auch ein Referat des freien Philosophen Imre Hofmann mit anschliessender Diskussionsrunde verfolgen. Das Thema drehte sich um die philosophische Sicht aufs Human Brain Project – und um die Frage: «Steckt ein Geist in der Maschine?». Anlass dazu war die kürzliche Vergabe grosser EU-Geldbeträge an das Projekt.

Die Idee hinter dem Projekt ist ambitiös: Das gesamte bisher vorhandene Wissen übers menschliche Gehirn sammeln und zusammenführen, mit der Absicht, dieses so weit wie möglich in einer IT-basierten Simulation abzubilden. Der Zweck könnte sein, bei manchen Experimenten oder bei der Erforschung von Behandlungsmöglichkeiten bei gewissen Erkrankungen nicht auf menschliche Versuchskaninchen angewiesen zu sein. Ein grosser Teil des Projekts wird sich der Frage widmen, wie bereits wenige neuronale Zellen überhaupt interagieren. Aber die Idee, ein menschliches Gehirn – vielleicht als ganzes – simulieren zu wollen, wirft ein paar ethische Fragen auf.

Imre Hoffmann legte gegenüber dem Publikum seine Zweifel dar, ob er aus philosophischer Sicht überhaupt etwas zum Thema beitragen könne. Die am HBP Beteiligten vermeiden konsequent Wörter wie «Psyche» oder «Bewusstsein». Jeder Versuch, ein Gehirn in einem Computer abzubilden, kann nur eine grobe Skizze sein. Vergleichbar mit einer Landkarte, die zwar zeigen kann, wo sich welche Region befindet, aber keine Auskunft darüber gibt, wie es an dieser oder jener Stelle wirklich aussieht/riecht/klingt, wie sich gar der Boden beim Drüberlaufen anfühlt oder wem man dort begegnet. Jene Punkte, die den Philosophen wirklich interessieren, kommen in den offiziellen Dokumenten des HBP nach Hofmanns Aussage kaum aufs Tapet. Sei es, weil die ForscherInnen diese Punkte vielleicht schon bei der Forschungsarbeit gezielt ausklammern, sei es, weil sie keine Wahrscheinlichkeit sehen, dass ihr Projekt so weit fortschreiten könnte oder sei es, weil es sich aus marketingtechnischen Gründen besser macht, keine Ängste zu wecken. Ich tippe eher auf die Punkte 2 und 1. Aber was, wenn doch? Laut Imre Hofmann steckt kein Geist in der Maschine. Das, was eine Person ausmacht, kann auch durch modernste Entwicklungen in der IT keinen Boden – bzw. passende Hardware – für eine solche Annahme liefern.

Was ist das Bewusstsein?

Extrapoliert oder skaliert man die Idee, an einer Handvoll Zellen zu forschen auf die Forschung an einer kompletten Simulation des Gehirns, stellen sich für mich persönlich die ethischen Fragen ein. Wie genau lässt sich ein Gehirn als Simulation abbilden? Wem nützt diese Simulation? Und wo stehen die Grenzen? Eine in zahlreichen Science-Fiction-Romanen oder -Filmen bekannte Abbildung eines gesamten Gehirns inklusive Bewusstsein ist illusorisch (nur schon in den verschiedenen StarTrek-Serien gab es wohl mindestens drei solche Episoden).

Die HBP-ForscherInnen wollen dieses Szenario ausklammern. Die Ansammlung einzelner Zellen – sogar, wenn es viele wären – wäre noch weit davon entfernt, etwas zu bilden, das eine Psyche entwickeln könnte. Aber ohne Verschwörungstheorien wecken zu wollen, würde es mich interessieren: Was geschieht, wenn die Simulation dem menschlichen Gehirn nahe genug kommt, um trotzdem eine Art von Bewusstsein zu entwickeln? Woran erkennt man Bewusstsein? Reicht eine Reaktion auf die Umwelt aus, um ein Bewusstsein nachzuweisen? Hat ein Nesseltier im Meer ein Bewusstsein, weil es auf seine Umgebung reagiert? Oder sind das nur «dumme» Reaktionen seines Nervensystems? Imre Hofmann beantwortet die Frage nach dem Bewusstsein damit, dass jedes Wesen oder Ding selbst für sich entscheiden muss, ob es ein Bewusstsein hat. Das Bewusstsein des Gegenübers liegt somit nur in unserem Ermessens- und Erwartungsspielraum. Das mag stimmen, aber es zeigt nicht, wie wir mit anderen Wesen/Dingen umgehen, die mutmasslich eines haben. Hat alles, was lebt, eine Art von Bewusstsein? Oder zählen wir etwas, das ein Bewusstsein hat, automatisch zu den Lebewesen?

Schaltet den Androiden aus

Falls eine Simulation etwas wie ein Bewusstsein entwickeln könnte, dürfte man sie dann auch nach Gutdünken abschalten? Hier stelle ich gerne den Bezug zu einer Star Trek TNG Folge her, in der es darum geht, ob der Androide namens «Data» von einem übereifrigen Wissenschafter aus der Crew genommen und zu Forschungszwecken zerlegt werden darf. Die Vehemenz, mit der Data um seinen Verbleib in der Crew und gegen seine Zerlegung kämpft, ist in der Folge auch ein Grund für die Richterin, ihm ein Bewusstsein und ein Selbstbestimmungsrecht zu attestieren.

Aber zurück zur Gegenwart und nahen Zukunft. Die aktuellen Versuche beschränken sich auf ein paar Nervenzellen. Die Simulation findet in vielen Grossrechnern verteilt statt. Den Androiden «Data» wird es nicht so bald geben, schon weil die Rechenkapazität auf diesem Raum nicht Platz hätte, zumal der Körper auch noch unzählige Bewegungsmotoren enthalten müsste. Wenn Sony einen kleinen zweibeinigen Roboter entwickelt, ist es schon eine Höchstleistung, wenn dieser nicht bei jeder Türschwelle auf die Nase fällt. Und dabei hat er noch nicht intelligent auf seine Umwelt reagiert.

Ein durch Computer simuliertes Gehirn entspricht nicht dem Gehirn eines echten Lebewesens. Das kann es schon nicht, weil es auf gewisse Reize nicht adäquat reagieren kann. Es hat ja einerseits den Zweck, menschliches Verhalten zu imitieren, andererseits soll es quasi ein Mensch sein.

Nehmen wir das simple Beispiel: Ein Glas Wasser kann für einen echten Menschen das Überleben bedeuten. Würde man das Gehirn des Menschen simulieren, müsste die Simulation nur vorgeben, ein Glas Wasser für überlebenswichtig zu halten. In Wahrheit ist Wasser entweder komplett irrelevant oder sogar schädlich für den Metall/Plastik-Kasten, in welchem das simulierte Gehirn steckt. Etwas, das ein Bewusstsein hat, weiss auch um seine eigene Situation. Und da haben wir es. Behauptet das simulierte Gehirn, es brauche Wasser, lügt es. Ein Mensch würde den Wasserbedarf aber niemals abstreiten. Die Simulation kann also behaupten, Wasser zu brauchen, was eine Lüge wäre (und sie als nicht menschlich taxieren würde) oder nicht zu brauchen, womit die Simulation dann nicht mehr menschenähnlich wäre. Sobald eine Simulation des menschlichen Gehirns ein Bewusstsein entwickelt, ist es keine Simuation mehr, sondern etwas Neues.